| Autor: Ralf Seifert |
| Zitat |
| Wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie. Johann Gottfried Herder |
| Hinführung |
| WBS 70. Spracheffizienz in Vollendung. Ökonomisierung der Kommunikation. WBS 70. Eine Buchstabenkombination und eine Zahl. Befreit von Prosa oder Lyrik. WBS 70. Pure Konzentration. Entfleischte Abstraktion. WBS 70. Suche nach Referenzen. Nach Sinnverweisen. WBS 70. Ist es wie bei Präsent 20? Oder doch eher a la DIN A4? WBS 70. Ein Code geht um. Eine Chiffre für etwas, was vielen vertraut zu sein scheint. Doch die wenigsten wissen Bescheid. WBS 70. Wohnberechtigungsschein? Wohnberatungsstelle? Wohnberufsschule? Gefehlt. Vergriffen. Daneben. Die Lösung: Wohnungsbauserie! 608.000 Gebäude wurden in dieser Form erbaut. 608.000 errichtete Glücksversprechen. 608.000 Mahnmale der Zuversicht. 608.000 Heimstätten glücklicher Lebensführung. Und 608.000 Ruinen der Zukunft. |
| Erstes Blitzlicht |
| Dem Leben auf der Spur? Das Leben eine Spur. Gesäumt von Zeichen. Deren Strukturiertheit zunächst Sicherheiten gewährleistet,
die das Leben an sich nicht bieten kann. Normierung, Standardisierung, Typisierung. Dadurch Vereinheitlichung, Ökonomie, Effizienz.
Das Leben im Raster. Das Leben im Modul. Das Leben im Lot. Der rechte Pfad im rechten Winkel. |
| Zweites Blitzlicht |
| Was geschah in den Köpfen derer, die der Geometrie ein Denkmal setzten? Was geschieht in den Köpfen der im geometrischen Konstrukt Agierenden? Was wird in den Köpfen deren geschehen, die auf die massiven Zeugnisse einer Epoche zurückschauen? Und was ist mit den Herzen? |
| Drittes Blitzlicht |
| Urbanes Wohnen ist oft dort, wo alle alten Bäume dem Bebauungsplan zum Opfer fallen, und man danach die Straßennamen nach ihnen benennt. Erlenstraße. Kastanienallee. Buchenstraße. Lindenweg. Jägerpark. |
| Viertes Blitzlicht |
| Der Mensch in der Nachbarschaft zum Wald. Baum und Beton. Und mittendrin die soziale Frage. Miteinander leben. Im Block. Raubbau und Rückbau. Konstruktion und Weggang. Die Frage nach dem Übrig-Sein. Der einzelne Mensch und die Gesellschaft. Wie viel WIR ist aushaltbar? Was geschieht, wenn das WIR immer kleiner wird. Zum ICH schrumpft? Und viele ICH´s hörbar nebeneinander atmen, ohne das WIR zu spüren? Wie viel Erinnerung hält die Gegenwart aus? |
| Erstes Statement |
| Beate Bilkenroth setzt der Ästhetik des Normativen eine kraftvolle Stille entgegen, die dem steinernen Monument der menschlichen Schöpfungskraft das Monumentale nimmt, ohne es zu verraten oder zu verspotten. Dem zeitlichen Kontext Raum gebend spürt sie mit seismografischen Geschick Umgebungen des Lebens auf, die zum Zeitpunkt der Betrachtung, Bewusstwerdung und Darstellung lebensabgewandt erscheinen. Menschenbilder ohne Protagonisten, die aber in ihrer trotz der Robustheit vermittelnden Gebautheit dennoch fragilen Daseinsform sehr viel mehr über diesen und seine Lebensträume erzählen, als es oftmals der Mensch selbst bzw. sein künstlerisches Abbild kann. |
| Information |
| Beate Bilkenroth wurde in Dresden geboren. Genau in dem Jahr, in welchem der erste Block der WBS 70 in Neubrandenburg gebaut wurde: 1972. Ihre Studien an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden und der in Braunschweig führten sie immer näher zu den bildkünstlerischen Ansätzen und malerischen Qualitäten, wie wir sie in ihrer vierten Einzelausstellung heute und hier sehen können. |
| Zweites Statement |
| Die Ausstellung WBS 70 stellt die bildnerische Transformation individueller Sichtweisen auf scheinbar banale gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhänge dar und damit Fragen, die an den Grundverständnissen sozialer Interaktion zu rütteln scheinen. |
| Drittes Statement |
| Der Blicke Richtungen schwirren im Raum. Irritationen sind Mittel zur Bewusstmachung. Signale des Ausbruchs als Appelle zum Aufbruch. Seit 1998 ist bei Beate Bilkenroth vieles zu Ente. Sie sah sie. In einem Berliner Nilpferdbecken. Welches dem Beobachter ermöglichte, das Untenrum eines Flusspferdes beim Schwimmvorgang zu beobachten und sich simultan an seinem unaufgeregten Oben zu erfreuen. Und plötzlich kam der Wasservogel. Eine Brechung. Nicht nur der Situation, sondern der Ente an sich. Spiegelungen, Doppelungen, Asymmetrien. Zunehmend entfernte sich Beate Bilkenroth von der konkreten Form, die sie nun auch schon im Schlaf fertigen konnte. Die möglichen Kontur-Farbe-Relationen waren in der Kombination der Variationen schnell ausgereizt, die Vielfalt der Kompositionen und Stile längst nicht. Und so wurde die Ente zum Objekt der Transformationen und Modulationen. Die Formate immer den Körpermaßen angemessen. Die Ästhetik zunehmend der eines Stills, also dem Innehalt einer filmischen Folge, der eines Standbildes. Das Drüber und Drunter, das Ganze und das Teil, der Nahblick und die Distanz. Und wenn in dieser Ausstellung die Enten in Deckenhöhe und übereinander und auf Augenhöhe am Betrachter vorbeischwimmen, ist dies ein kleiner Verweis auf den Perspektivenreigen, den einzunehmen man sich einlassen muss, um die Großartigkeiten der scheinbar alltäglichen und immerdar anwesenden Begleiterscheinungen wertschätzend wahrnehmen zu können. |